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04.03.2010 00:59

Interview der Uni Köln mit Michael Musto

mustointerview Interview vom 20.02.2010 mit Michael Musto, Sprecher der IG KÖLN VorOrt, durch Studenten des Geographischen Instituts der Uni Köln im Rahmen eines Projektpraktikums zum Thema Einzelhandel in Köln.

GeoInstitut Uni Köln: Welches sind allgemein die Aufgaben und Ziele der IG Köln VorOrt und der einzelnen Interessensgemeinschaften in den Stadtteilen in Bezug auf den Einzelhandel? Wie setzt sich konkret die IG Köln VorOrt zusammen?

Michael Musto: Das Ziel der IG KÖLN VorOrt ist die Interessenvertretung von angegliederten Interessengemeinschaften gegenüber Politik, Verwaltung und Institutionen und so weiter. In der Vergangenheit, vor dem Jahr 2000, Gründungsdatum der IG KÖLN VorOrt, wurde zum Beispiel seitens der Verwaltung gelegentlich auf das Einladen von Interessengemeinschaften verzichtet, da dies bedeutet hätte, etwa 20 oder mehr Gesprächspartner zusätzlich einladen zu müssen. Bei einem Ansprechpartner fällt dies nun wesentlich einfacher aus.
Die IG KÖLN VorOrt setzt sich aus ihren Mitgliedern zusammen, also Vorstände aus Interessengemeinschaften sowie Repräsentanten von Unternehmen, die alle jeweils auf der Internetseite www.koeln-vorort.de veröffentlicht werden.
Die Aufgabe der in den Mittelzentren ansässigen Interessengemeinschaften ist zumeist die Attraktivierung der dortigen Einkaufslagen durch koordinierte Maßnahmen, wie zum Beispiel mittels Straßenfesten und anderen Marketinginstrumenten, Kundinnen und Kunden stets von den guten Einkaufsmöglichkeiten in den Geschäften im Rahmen von Leistungsschauen des Handels zu überzeugen.

GeoInstitut Uni Köln: Wie sehen Sie aus ihrer Position ganz allgemein die Rolle von Einkaufszentren für die Stadt und die Auswirkungen auf Stadtteile / Stadtteilzentren?

Michael Musto: Hier müssen wir eine grundsätzliche Aussage treffen. In den letzten 23 Jahren haben wir die Verkaufsfläche in Köln praktisch verdoppelt und liegen mit ca. 1,65 Quadratmetern Einzelhandelsfläche pro Einwohner an einem Spitzenplatz in Europa. Zum Vergleich liegt die durchschnittliche Einzelhandelsfläche pro Einwohner in Deutschland bei 1,45, in England bei 0,7 und in Frankreich bei etwas unter 1 Quadratmeter Einzelhandelsfläche pro Einwohner. Der hohen Anzahl beziehungsweise der genannten Verdopplung der Fläche stehen in Köln weder eine gewachsene Einwohnerzahl noch eine gesteigerte oder zumindest ausreichende Kaufkraft gegenüber. Daher ist für den Einzelhandel grundsätzlich ein Problem gegeben, diese Anzahl an Quadratmetern ökonomisch sinnvoll bewirtschaften zu können. Wenn nun die Kaufkraft aus den Mittelzentren weg auf die sogenannte "Grüne Wiese" gelenkt wird, dann entsteht für die Stadtteile eine enorme Gefahr. Geschäfte können schließen müssen, der Branchenmix wird gestört und womöglich entstehen Versorgungslücken mit Gütern des alltäglichen Bedarfs wie zum Beispiel dann, wenn kein Metzger oder kein Gemüse-/Obstgeschäft mehr auf der Straße ist. Leider ist dieser standortwirtschaftlich letale Prozess in vielen Mittelzentren in Köln bereits eingetreten.

GeoInstitut Uni Köln: Welche konkreten Projekte gehen von einer Interessensgemeinschaft aus? Welche neuen Möglichkeiten können durch eine IG gerade für Geschäfte in der Nähe zu Einkaufszentren geschaffen werden?

Michael Musto: Die konkreten Projekte, die von einer Interessengemeinschaft ausgehen, sind zum Beispiel die genannten Straßenfeste, aber auch Kunst- und Jazzmeilen wie in Dellbrück oder Brautmessen wie in Lindenthal oder die Organisation der verkaufsoffenen Sonntage in allen Stadtteilen, die von den Interessengemeinschaften bei der Stadt Köln beantragt werden müssen. Selbstverständlich gehören Informationsveranstaltungen, Stadtteilguides, Internetseiten, am besten auch ein Leerstandsmanagement und eine gute Zusammenarbeit mit anderen zentrenrelevanten Vereinen, wie beispielsweise Bürgervereine, mit dazu.

GeoInstitut Uni Köln: Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Stadtplanung aus? Wie sehr kann eine Interessensgemeinschaft auf die Planung einwirken?

Michael Musto: Die Zusammenarbeit ist sehr gut und unsere Eingaben finden Berücksichtigung, auch die der einzelnen Interessengemeinschaften, sofern sie kommen. Es gibt sogar Ratsbeschlüsse, die die Verwaltung anweisen, die IG KÖLN VorOrt einzubinden. Dies ist zum Beispiel der Fall bei der Erstellung des neuen Einzelhandelskonzeptes für die Stadt Köln, das federführend vom Amt für Stadtentwicklung und Statistik entwickelt wird und nach unserem Ermessen eine sehr gute Arbeitsgrundlage für die kommenden 10 Jahre sein wird. Damit geht dieses Konzept auch konform mit den Ansprüchen von KÖLN 2020 - Leitbild einer Stadt - wo ich einer der beiden Sprecher des Handlungsfeldes "Dynamische Wirtschaftsmetropole" sein darf.

GeoInstitut Uni Köln: Wie bewerten Sie aus Sicht der IG Köln VorOrt die Entwicklung von Einkaufszentren in Köln-Kalk (Arcaden) und im Bereich des Wiener Platz (Galerie am Wiener Platz)? Welche Lösungsansätze könnten aus Sicht der IG für eine bessere Integration der Geschäfte im Bereich der Kalker Hauptstr. zu den KölnArcaden sorgen?

Michael Musto: Die Planung der Köln Arcaden liegt über 10 Jahre zurück. Wir haben die Entstehung nur noch zur Kenntnis nehmen können und waren besorgt. In den Köln Arcaden sind nämlich 27.500 Quadratmeter Verkaufsfläche bewirtschaftbar. Den heutigen, genauen Stand kenne ich nicht. Die gesamte Kalker Hauptstraße kommt in der Summe der Einzelhandelsgeschäfte auf etwas über 16.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche. Damit könnte die Frage bereits beantwortet sein. Allerdings muss man sagen, dass sowohl die Köln Arcaden als auch die Galerie am Wiener Platz zumindest nicht auf der Grünen Wiese sondern in ihren jeweiligen Mittelzentren liegen. Das ist ein Trost für den Fortbestand des gesamten Standorts, eine Integration sehe ich bereits als nahezu vollzogen an. Nun sind die Manager dieser Einkaufswelten an der Reihe, diese auch aufrecht halten zu können.

GeoInstitut Uni Köln: Wie sehen Sie die Zukunft des Einzelhandelsstandort Köln? Wäre für Sie ein weiteres Einkaufszentrum in Köln vorstellbar? Welche eventuell akuten Probleme im Kölner Einzelhandel sollten aus Sicht einer IG in den nächsten Jahren verstärkt angegangen werden?

Michael Musto: Diese Frage ist nahezu bereits beantwortet. Köln verträgt derzeit keine weiteren Einzelhandelsflächen mehr. Wie ich höre, gibt es sogar Menschen, die nicht gerne in die Innenstadt fahren wollen, weil Sie an die dortigen Baustellen denken. Dadurch werden Arbeitsplätze, sogar an unseren Vorzeigestandorten, massiv gefährdet. Wir müssen in Köln sofort das neue Einzelhandelskonzept verabschieden beziehungsweise umsetzen und allen Einzelhandelsstandorten Planungs- und Existenzsicherheit geben. Im eigenen Gesamtinteresse unserer Stadt und unserer Bürgerinnen und Bürger. Da ist nun die Politik gefragt, wir können und werden in allen Gremien, wie immer, die entsprechenden Impulse geben und nicht locker lassen. Wichtig ist meiner Meinung nach in den nächsten Jahren, dass sich alle Interessengemeinschaften darum bemühen sollten, wie sie und die Bürgerinnen und Bürger des Mittelzentrums in den Benefit des Gesetzes über Immobilien- und Standortgemeinschaften (ISGG NRW) kommen können. Damit sind wirkliche Chancen für die Standorte verbunden. Linktipp: www.koeln-vorort.de/attachment.php?attachmentid=415

GeoInstitut Uni Köln: Abschließend hätten wir gerne noch eine Information bezüglich ihrer Position in der IG Köln VorOrt und Sie können, wenn sie wünschen, gerne noch eigene Angaben, die Ihnen zum Thema wichtig erscheinen, hinzufügen.

Michael Musto: Bei der IG KÖLN VorOrt und in meiner Herkunfts-IG, der Interessengemeinschaft Treffpunkt Dellbrücker Hauptstraße, bin ich nun über 10 Jahre Vorstandssprecher und auch schon über fünf Jahre im Vorstand des Kölner Einzelhandelsverbands, der nun nach der noch jungen Fusion Einzelhandels- und Dienstleistungsverband Aachen-Düren-Köln heißt. Eine meiner Tätigkeiten ist nunmal seit 15 Jahren im Einzelhandel, bei Novello, einem Dellbrücker Wein- und Delikatessengeschäft. 'Wer nicht handelt, der wird behandelt' sagte zu Lebzeiten einmal Johannes Rau als Bundespräsident zu einer Gruppe Jugendlicher in Bremen. Ein Satz, den ich so unterschreiben kann.

Für die Uni Köln führte das Interview Christoph Lexis


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